28. Mai 2016

 

"He makes me STRONGER!"

Bevor ich damit beginne meine Geschichte zu erzählen, möchte ich sagen dass ich schwangeren ganz besonders denen die ihr erstes Kind erwarten, abraten würde weiter zu lesen. Meine Schilderung der erlebten Geburt kann nämlich definitiv Angst machen und da jede, wirklich jede einzelne Geburt etwas anders ist, würden meine Zeilen vielleicht den ein oder andern Alptraum auslösen.

 

Wenn man sein erstes Kind erwartet ist man ganz besonders angespannt, nervös oder sogar etwas ängstlich. Um ehrlich zu sein, ich hatte panische Angst! Dies rührte daher, dass ich vor 3 Jahren bei einer Geburt dabei war. Nicht die gesamte Geburt über, aber beim wesentlichen Teil davon. Und diese miterlebte Geburt war nicht gerade wie sie im Bilderbuch steht. Also wurden meine Nächte, je näher der Entbindungstermin kam immer unruhiger und schlussendlich war Tag X da. Um alles nicht ins unendliche zu ziehen, lass ich alles aus was vor dem Blasensprung passiert ist. Denn allein dafür würde ich einen eigenen Beitrag benötigen🙈. 

 

Die Blase war gesprungen (23.03.2016 08:00 Uhr) und natürlich tat sich in den ersten Stunden nix. Rein gar nichts, außer dass ich am ganzen Körper schon total verkrampft war, weil ich nur darauf wartete, dass sich doch endlich was tut. Um das ganze Prozedere etwas zu beschleunigen lief ich im Spital grantig herum. Die Tatsache, dass ich drei Wochen lang ganz starke Vor- und Senkwehen hatte, aber jetzt wo es drauf ankam die Wehen wegblieben nervte mich. Von 8.00 bis 15 Uhr lief ich also unter dem Motto "Lauf Carina lauf". Und siehe da die Wehen kamen und wurden immer immer stärker. Obwohl das CTG Gerät bereits regelmäßige Wehen anzeigte, die in immer kürzeren Abständen kamen öffnete sich der Muttermund nicht. Während ich schön langsam einen Vorgeschmack darauf bekam, welche Schmerzen auf mich zukommen, sah man am CTG dass mein kleiner Bub Seelenruhig im Bauch schlief. Dabei war ich schon am Luft schnauben und schön langsam begann ich auch zu schreien. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich mich aber noch tapfer auf den Beinen und ging zwischen den Wehen brav herum, schließlich sollte dies ja helfen. Das ging von 15.00 bis 20 Uhr so weiter. Wie lange die Wehen bereits zu diesem Zeitpunkt in Abständen von unter fünf Minuten kamen weiß ich nicht mehr, aber mir kam es bereits wie ein ganzer Tag vor. Und jede Stunde wurde kontrolliert wie weit sich der Muttermund bereits geöffnet hat und jedes Mal bekam ich die Antwort "wir sind noch immer bei 1cm". WTF dachte ich mir nur, wenn man mir dies mitteilte. Um 20 Uhr war dann Dienstwechsel und die Hebamme fragte mich, ob ich eine PDA möchte, da ich bereits vor Schmerzen am durchdrehen war. Ich antwortete NEIN. Ich hatte vor dieser furchtbar langen Nadel die in meinen Rücken gestochen wird nämlich noch mehr Angst, als vor den zunehmenden Schmerzen. Schließlich Unterschreibt man ja, dass man über alle Folgen und Risiken aufgeklärt wurde und ich somit weiß, dass man unter umständen Querschnittsgelähmt sein kann, wenn sich der Arzt versticht. Und da sie sich bei meiner Freundin (wo ich bei der Geburt dabei war) beim ersten Mal verstochen hatten und einen zweiten Versuch brauchten (es ist ihr nichts passiert) wollte ich auf keinen Fall eine PDA. Die unglaublich tolle Hebamme die mich ab 20 Uhr betreute hieß übrigens Beate.

Ach ja, in den Stunden von 8.00 bis 15 Uhr hat mich eine ganz liebe Sandkastenfreundin begleitet, ab 15 Uhr kam dann ein sehr guter Freund von mir, der auch mein Nachbar ist und der wurde ab 20 Uhr von meiner besten Freundin ( die selbst noch keine Kinder hat) abgelöst.

Zu diesem Zeitpunkt kamen die Wehen bereits alle zwei Minuten und da ich keine PDA wollte sagte Beate sie würde mir eine Infusion mit einem besonderen Cocktail holen und dann legen wir los. Ich schrie zu dem Zeitpunkt bereits "JAAA ich will", hatte aber keine Ahnung was sie mit "und dann legen wir los meinte". Ich bekam also diesen super Cocktail. Wer jetzt glaubt die Schmerzen sind dadurch weg irrt sich gewaltig. Doch der Cocktail verursachte, dass ich das Zeitgefühl verlor und alles nur peripher mitbekam. Als ich dieses Gesöff, fast komplett intravenös, in mir hatte kam der Teil den Beate mit loslegen meinte. Sie griff mit einer Hand in mich rein und öffnete den Muttermund, der nur 1cm offen war und dehnte die Öffnung auf 5cm aus. Als ihre Hand in mich rein glitt und sie mit dem Dehnen begann, schrie ich zum ersten Mal aus Leibeskräften. Nachdem sie den Muttermund auf 5cm geöffnet hatte, hängte sie mir einen Wehncocktail an und ich hatte das Gefühl die Wehen kommen alle paar Sekunden. Zu diesem Zeitpunkt bat ich meine Freundin mir doch bitte die Stöpsel ins Ohr zu geben und die vorbereitete Musik laut aufzudrehen. Ich wollte all dem was gerade passierte etwas entfliehen und die Musik lenkte ein bisschen ab. Aber vor allem half sie mir dabei, dass ich die anderen Frauen die gerade ebenfalls auf der Entbindungsstation schrien nicht mehr hörte. Kurz nach dieser Folter und dem anhängen des Wehencocktails untersuchte mich Beate. Sie wollte sehen, ob sich der Muttermund bereits weiter geöffnet hat. Aber nix war passiert, außer dass ich wegen dem Wehencocktail noch mehr durch die Hölle ging und die Wehen in einem unaufhaltsamen Rhythmus kamen, so als würde man auf meinen Bauch permanent mit großer Wucht einschlagen.

Da sich nix tat, also der Muttermund sich nicht öffnete, wurde ich auf die linke Seite gedreht. Das linke Bein musste ich ausstrecken und das rechte Bein wurde angewinkelt, dann packte Beate mein Bein ganz oben bei der Hüfte als auch in der Mitte vom Unterschenkel und als die Wehe kam, drehte sie das angewinkelte Bein im Uhrzeigersinn. Und genau da begann ich zum ersten Mal zu schreien: "Ich will sterben!" Denn ich wollte dass dieser unglaubliche Schmerz jetzt und sofort aufhörte. Da Beate zu einer anderen Patientin musste, zeigte sie meiner Freundin was sie machen muss und meine Freundin machte mit der Foltermethode weiter. Geburtswehen alleine sind ja schon schmerzhaft genug, aber durch das Drehen des Beines bekam das ganze eine neue Dimension. Diese zusätzliche Qual sollte bewirken, dass sich der Muttermund endlich von selbst öffnet. Und ja ihr liegt richtig mit eurer Annahme, es tat sich wieder rein gar nichts. Also öffnete Beate wieder händisch von 5cm auf 8cm. Da es keine Steigerung mehr zu meinem "ich will sterben" gab, hab ich von nun an bis ans Ende der Geburt immer wieder geschrien "Ich will sterben!" Als ich nun auf diesen 8cm war, bekam ich einen weiteren Wehencocktail und eine weitere Infusion von diesem guten "es ist mir alles wurscht Zeug". Und dann sollte, besser gesagt ich musste auf Beates Anweisung hin aufstehen. Damit der Muttermund sich endlich auf 10cm öffnet. Meine Schmerzzellen in meinem Kopf waren zu diesem Zeitpunkt definitiv bereits wie ein Atomreaktor explodiert und mein ganzes Nervensystem schlug Alarm. Doch es wurde noch schlimmer, denn auch von 8cm auf 10cm musste mich Beate per Hand malträtieren. Doch ich ließ es nicht mehr zu und hab sie vor lauter Schmerz mit aller Kraft vom Bett getreten.

Plötzlich waren einige Leute da und hielten mich fest und die letzten 2cm wurden ebenfalls per Hand geöffnet. Es war ein bisschen so wie man es aus Filmen kennt, in denen man den Psychopathen herumtreten sieht und plötzlich packen ein paar Leute seine Gliedmaßen, um das beruhigende Mittel zu indizieren. Nur bekam ich kein beruhigendes Mittel nachdem man mich festhielt, sondern mein Schmerzlevel wurde auf`s Neue ausgereizt. Und ich spürte wie ich mich vor Schmerz ankotzte und verlor dann das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, hing ich am Sauerstoffgerät. Das nächste woran ich mich erinnern kann waren die Worte "pressen sie" und ich spürte wie sich der Kopf meines Kindes durch den Geburtskanal Richtung Ausgang kämpfte. In diesem Moment schrie meine Freundin "man kann den Kopf schon sehen, Carina man kann den Kopf schon sehen" und ich fühlte wie mein Körper seine letzten Kräfte mobilisierte, als sie diese Worte sagte. Und von einer Sekunde auf die andere war ich hellwach und presste mit aller Kraft die ich noch hatte. Während ich so fest presst wie ich konnte, fühlte ich wie es zu Brennen begann. Ich wollte dass es aufhört jetzt, jetzt sofort sollte dieser brennende Schmerz aufhören, aber je mehr der Kopf zwischen meinen Beinen zu spüren war umso mehr brannte es. Als der Kopf heraußen war, beschloss mein Körper sein Betriebssystem runter zu fahren. Ich konnte nicht mehr, ich war kaputt. Also steckte der Kopf zwischen meinen Beinen fest und ich hatte keine Kraft mehr. Ich hörte wie unzählige Leute auf mich einredeten. Doch in meinem Kopf ertönte nur mehr die Meldung "lass es vorbei sein!". Während mein Geist mit meinem Körper kommunizierte und ich mir unbewusst sagte, dass ich jetzt keinesfalls mit dem Kämpfen aufhören kann, wurde meinem Sohn am Kopf Blut abgenommen. Es musste der Sauerstoffgehalt in seinem Blut festgestellt werden, um zu ermitteln wie es ihm ging. Der Sauerstoffwert war sehr besorgniserregend. Mein Bub musste unbedingt raus und konnte keinesfalls länger zwischen meinen Beinen, mit seinem Kopf, feststecken. Deshalb versammelten sich plötzlich noch mehr Leute um mich herum und alle waren total hektisch. Dann wurde die leitende Ärztin sehr sehr laut und redete auf mich ein, dass ich nun unbedingt Pressen muss. Und als sie redete kletterte eine andere Ärztin auf mich und ich sah nur mehr wie ich den Po einer fremden Person in meinem Gesicht hatte und bevor ich die Situation genau einschätzen konnte schrie die Ärztin auch schon ich soll "JETZT PRESSEN!!". Ich presste und gleichzeitig drückte die Person die rittlings auf mir saß gegen meinen Bauch und die Ärztin die zwischen meinen Beinen war zog mit der Saugglocke am Kopf meines Kindes. Die Hand meiner Freundin drückte ich so fest ich konnte, denn ich dachte "nun bricht mein Rückgrat auseinander". Wir (die Ärztin mit der Saugglocke, die Hebamme auf meinem Bauch und ich) brauchten vier Presswehen in denen Leon- Maurice mit vereinten Kräften auf die Welt geholt wurde. Ich hab mich in dieser Austreibungsphase nach jeder einzelnen Presswehe übergeben und als ich presste dachte ich, ich müsste ersticken. Die Zeitspanne in der ich die Luft anhielt, meinen Bauch anspannte und drückte kam mir unendlich vor. 

 

Aber am 24.03.2016 um 1.54 war Leon- Maurice, mit stolzen 4005g und 51cm, endlich da. Ich spürte wie der kleine Körper aus mir hinausglitt und sah wie er vom bereitstehenden Kinderarzt entgegen genommen wurde. Meine Freundin schrie in diesem Moment: "Er ist so schön, Carina er ist so schön!" Ich weiß, dass ich mir dachte: "Es ist mir so wurscht" und obwohl ich mir das dachte sagte ich sofort, als er heraußen war: "Atmet er, atmet er?" Der Kinderarzt brauchte zwei Minuten um ihn zu reanimieren und dann wurde mir MEIN schöner Bub auf den Bauch gelegt.

 

Ich spürte wie das Blut zwischen meinen Beinen runter rann, wie alles schmerzte, wie mein Bauch von den starken Nachwehen bebte und ich spürte wie Leon`s warmer Körper auf mir lag und sich seine Finger bewegten. Ich hatte das Gefühl als würden meine eigenen Emotionen mich nun umarmen. Und eingehüllt in dieses Gefühl von Schmerz, Verzweiflung sowie purem Glück verlor ich das Bewusstsein. In diesem Moment entstand das unten angeführte Foto. Es zeigt mich nicht vor Glück weinend, sondern vor lauter Schmerz als auch vor Erleichterung darüber, dass es endlich vorbei war. 

 

Erst als ich genäht war, ein saueres Nachthemd an hatte und in einem frischen Bett lag bekam ich Leon wieder, nun war er angezogen und durch meine geschwollenen und verquollenen Augen, konnte ich ihn das erste Mal sehen und erst jetzt spürte ich wie ich vor Freude über MEINEN SCHATZ zu weinen begann. Ich dachte: "Er ist tatsächlich da, er ist mein Sohn, er ist perfekt, es geht ihm gut und es ist vorbei!" Und ich empfand die ganze Palette an Gefühlen die man empfinden kann. Doch alles was ich fühlte war um ein x-faches verstärkt.

 

Das Wunder des Lebens und die Hölle auf Erden lagen an diesem Tag für mich ganz nah beieinander und NEIN als er da war hatte ich nicht die schweren und schmerzhaften Stunden die hinter mir lagen vergessen. Aber wenn ich ihn streichelte und ansah machte es alles ein bisschen erträglicher. 

 

Wie viel Blut ich verloren habe und mit wie vielen Nähten ich wieder zusammengeflickt wurde, als auch was alles kaputt ging möchte ich für mich behalten, doch soviel kann ich sagen: "Von Sex träume ich nicht einmal und wenn ich das Wort Geburt höre, verkrampft sich in meinem Unterbauch alles." Ich hab es ohne PDA überstanden und bin ein bisschen stolz auf mich, doch ohne meine beste Freundin und der Hebamme Beate hätte ich diesen Horror nicht durchgehalten. 

 

P.S: Ich ziehe meine imaginären Hut vor allen Frauen auf dieser Welt die ein Kind auf natürlichem Weg bekommen haben, aber ganz besonders vor denen die irgendwo in armen Ländern unter furchtbaren Bedingungen gebären müssen.